Ein Gesicht mit der Nadel zu filzen bedeutet, seine Form Schicht für Schicht aus Wolle aufzubauen. Zunächst entsteht eine stabile Grundform des Kopfes. Anschliessend werden Stirn, Wangen, Kinn, Nase, Mund und Augenpartie modelliert und durch feine Übergänge miteinander verbunden.
Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Gesichtszüge an die richtige Stelle zu setzen. Erst ihr Zusammenspiel lässt ein Gesicht harmonisch, weich und lebendig wirken.
Vielleicht hast du selbst schon versucht, ein Gesicht zu filzen, und dabei festgestellt: Der Kopf ist rund, eine Nase ist vorhanden und auch der Mund sitzt ungefähr dort, wo er hingehört – trotzdem fehlt dem Gesicht noch etwas.
Genau das macht das Filzen von Gesichtern so spannend. Bereits kleine Veränderungen an den Proportionen, den Wangen oder der Mundpartie können den gesamten Ausdruck einer Filzfigur verändern.
Die Filznadel besitzt kleine Widerhaken. Durch wiederholtes Einstechen verbinden und verdichten sich die Wollfasern. Je nachdem, wo Wolle hinzugefügt, verdichtet oder stärker ausgearbeitet wird, entstehen Erhöhungen, Vertiefungen und fliessende Übergänge.
Ein Gesicht wird deshalb nicht einfach auf einen fertigen Kopf „aufgezeichnet“. Es wird tatsächlich aus der Wolle heraus modelliert.
Für mich ähnelt dieser Prozess in vieler Hinsicht dem bildhauerischen Arbeiten: Die Form entsteht langsam, verändert sich immer wieder und wird mit jedem Arbeitsschritt klarer.
Für den ersten Aufbau kann eine etwas kräftigere Filznadel hilfreich sein. Sobald es um feinere Übergänge und kleine Gesichtszüge geht, kommen feinere Nadeln zum Einsatz.
Ich arbeite beim Aufbau unter anderem mit einer Filznadel in 38 Gauge. Für feinere Details verwende ich 40 Gauge und für besonders feine Arbeitsschritte am Gesicht 41 Gauge.
Welche Nadel sich am besten eignet, hängt jedoch auch von der verwendeten Wolle, der Festigkeit des Kopfes und dem jeweiligen Arbeitsschritt ab. Nicht jede Filznadel erfüllt am Gesicht dieselbe Aufgabe.
Wenn du bei den unterschiedlichen Stärken und Formen noch unsicher bist, findest du in meinem Guide „Schluss mit dem Filznadel-Dschungel“ eine verständliche Übersicht über Filznadeln und Wollfasern.
Die Grundform des Kopfes entscheidet darüber, wie sich die späteren Gesichtszüge einfügen. Stirn, Wangenbereich, Kiefer und Kinn bilden die Landschaft, auf der Nase, Mund und Augenpartie ihren Platz finden.
Ist die Grundform noch zu weich, zu ungleichmässig oder nicht ausreichend durchdacht, lassen sich die späteren Details nur schwer kontrollieren. Deshalb lohnt es sich, dem Aufbau genügend Zeit zu geben.
Ein stabiler Kopf bedeutet dabei nicht, dass die Oberfläche hart und unbeweglich werden muss. Die Form sollte jedoch so weit gefestigt sein, dass sie beim weiteren Modellieren nicht ungewollt zusammengedrückt wird.
Wo beginnt die Stirn? Auf welcher Höhe liegt die Augenpartie? Wie breit wirkt der Wangenbereich? Wie viel Raum benötigen Nase, Mund und Kinn?
Diese Fragen lassen sich nicht unabhängig voneinander beantworten. Wird beispielsweise die Mundpartie verändert, kann sich dadurch auch die Wirkung des Kinns oder der Wangen verändern.
Dabei müssen Filzgesichter keineswegs vollkommen realistisch oder symmetrisch sein. Gerade handgefertigte Figuren dürfen ihre ganz eigene Formensprache besitzen.
Proportionen sind deshalb kein starres Regelwerk. Sie sind ein Werkzeug, das dir dabei hilft, bewusst zu entscheiden, wie dein Gesicht wirken soll.
Eine Nase besteht nicht nur aus einer länglichen Erhöhung in der Mitte des Gesichtes. Auch der Übergang zur Stirn, die seitlichen Flächen und die Verbindung zu den Wangen beeinflussen ihre Wirkung.
Wird die Nase lediglich aufgesetzt, ohne ihre Übergänge in das übrige Gesicht einzuarbeiten, kann sie schnell wie ein einzelnes angesetztes Teil erscheinen.
Deshalb wird sie schrittweise aufgebaut und immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
Der Mund nimmt nur einen kleinen Bereich des Gesichtes ein und kann trotzdem dessen gesamten Ausdruck verändern.
Nicht allein die sichtbare Linie der Lippen ist entscheidend. Auch die Form der Mundpartie, die Bereiche oberhalb und unterhalb des Mundes sowie die Verbindung zum Kinn spielen eine wichtige Rolle.
Ein zu tief eingestochener Mund kann streng wirken. Eine sehr gerade Mundlinie kann einen anderen Ausdruck erzeugen als eine weich modellierte Form. Schon kleine Veränderungen sind deutlich sichtbar.
Auch bei geschlossenen Augen besteht die Augenpartie nicht nur aus einer einzelnen Linie.
Die Form des Bereiches um die Augen, die Position der Lider und der Übergang zu Stirn, Nase und Wangen tragen dazu bei, ob ein Gesicht ruhig, freundlich oder lebendig wirkt.
Geschlossene Augen sind seit vielen Jahren ein wiederkehrendes Merkmal meiner Filzfiguren. Für mich stehen sie nicht für Abwesenheit, sondern für eine nach innen gerichtete Wahrnehmung und einen stillen Ausdruck.
Einige meiner fertigen Arbeiten und unterschiedlichen Gesichtsausdrücke findest du auch in meiner Galerie mit Filzfiguren.
Beim Filzen von Gesichtern werden einzelne Formen aufgebaut – trotzdem sollten sie am Ende nicht wie voneinander getrennte Teile wirken.
Die Übergänge verbinden die Gesichtszüge miteinander. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass sich eine Wange natürlich in die Mundpartie einfügt oder die Nase nicht einfach auf der Gesichtsfläche sitzt.
Wenn ein Gesicht trotz vorhandener Nase, Augen und Mund noch unruhig oder unfertig wirkt, liegt es häufig nicht an einem fehlenden Detail. Oft benötigen die vorhandenen Formen mehr Verbindung untereinander.
Deshalb betrachte ich ein Gesicht während des Filzens immer wieder:
Was aus einer Perspektive harmonisch aussieht, kann aus einer anderen noch eine Unebenheit oder eine unklare Form zeigen.
Kein menschliches Gesicht ist vollkommen symmetrisch. Auch ein handgefilztes Gesicht muss nicht auf beiden Seiten millimetergenau gleich aussehen.
Trotzdem kann es hilfreich sein, während des Aufbaus regelmässig beide Gesichtshälften miteinander zu vergleichen. Auf diese Weise erkennst du frühzeitig, ob beispielsweise eine Wange deutlich höher liegt, die Mundpartie verrutscht oder die Kopfform auf einer Seite flacher geworden ist.
Es geht dabei nicht um Fehlerlosigkeit. Entscheidend ist, ob die Unterschiede bewusst zur Persönlichkeit der Figur beitragen oder die gewünschte Wirkung unbeabsichtigt verändern.
Es ist verlockend, möglichst schnell Nase, Mund und Augen zu gestalten. Fehlt jedoch eine stabile und harmonische Grundform, lassen sich diese Details später nur schwer miteinander verbinden.
Ein Kopf ist eine dreidimensionale Form. Wird er fast ausschliesslich von vorne betrachtet, können Hinterkopf, Profil, Stirn oder Kinn unbemerkt ihre Form verlieren.
Wird eine kleine Stelle sehr stark bearbeitet, entsteht schnell eine zu tiefe Vertiefung. Gerade bei Mund und Augenpartie ist es sinnvoll, langsam vorzugehen und die Wirkung regelmässig zu kontrollieren.
Nicht jede Unebenheit benötigt sofort eine zusätzliche Wollschicht. Manchmal fehlt lediglich ein weicherer Übergang oder die vorhandene Form wurde noch nicht gleichmässig genug ausgearbeitet.
Während des Aufbaus gibt es fast immer einen Moment, in dem ein Gesicht noch etwas merkwürdig aussieht. Einzelne Formen sind bereits vorhanden, aber noch nicht miteinander verbunden.
Das bedeutet nicht automatisch, dass der Kopf misslungen ist. Häufig befindet er sich einfach mitten im Entstehungsprozess.
Und auch mit jahrelanger Erfahrung gelingt nicht jeder Kopf sofort. Bis heute gibt es bei mir Nasen, Mundpartien oder ganze Formen, die ich wieder verändere oder neu aufbaue. Erfahrung bedeutet nicht, dass jeder Schritt auf Anhieb gelingt. Sie hilft jedoch dabei, genauer zu erkennen, was ein Gesicht noch benötigt.
Das dreidimensionale Arbeiten mit Wolle braucht Übung. Mit jedem Kopf entwickelst du ein besseres Gefühl dafür, wie viel Wolle du benötigst, wie fest du filzen solltest und wie sich kleine Veränderungen auf den Ausdruck auswirken.
Ein klarer Aufbau hilft dabei, nicht alle Entscheidungen gleichzeitig treffen zu müssen. Wenn du Schritt für Schritt vorgehst, wird aus einer zunächst einfachen Kopfform nach und nach ein Gesicht mit einem eigenen Charakter.
Die benötigte Zeit hängt von der Grösse, dem gewünschten Detailgrad, der verwendeten Wolle und der eigenen Erfahrung ab.
Ein sorgfältig ausgearbeitetes Gesicht entsteht nicht in wenigen Minuten. Besonders der Aufbau, die Übergänge und die feinen Korrekturen benötigen Ruhe.
Schnelligkeit ist dabei kein verlässliches Zeichen für Können. Ein Gesicht zwischendurch beiseitezulegen und später mit einem frischen Blick weiterzuarbeiten, kann sehr hilfreich sein.
Wenn du nicht nur einzelne Tipps sammeln, sondern den gesamten Aufbau eines Gesichtes nachvollziehen möchtest, begleite ich dich in meinem Onlinekurs Schritt für Schritt.
Im Kurs „Gesicht filzen – Ausdruck, Form und feine Details“ lernst du unter anderem:
Dabei zeige ich dir nicht nur, welche Arbeitsschritte ich ausführe. Ich erkläre dir auch, warum ich sie auf diese Weise aufbaue und worauf du während des Filzens achten kannst.
Der Kurs eignet sich sowohl für Menschen, die sich zum ersten Mal an ein ausgearbeitetes Filzgesicht wagen, als auch für erfahrene Filzerinnen, die ihren Aufbau, ihre Proportionen und den Ausdruck ihrer Figuren weiterentwickeln möchten.